Angeklopft bei Daniela Dröscher

Der Körper stets im Mittelpunkt: Daniela Dröschers autofiktionaler Roman Lügen über meine Mutter erzählt von dem Abwerten des Körpers durch den eigenen Ehemann, von Demütigungen, unzähligen Gewichtskontrollen und dem Versuch eines Ausbruchs aus der patriarchalen Ehe. In Junge Frau mit Katze schreibt Dröscher offen über und zu jenen Menschen, deren eigene Körper plötzlich zum Feind – und Ängste und selbsternannte Diagnosen alltägliche Begleiter werden. Heute erzählt sie von familiären Prägungen, ihren Glaubenssätzen und ihrer Beziehung zu ihrem eigenen Körper. Ein Interview.

Du hast in deinem Roman Lügen über meine Mutter geschrieben: »Es gibt in meiner Familie so viele Geheimnisse, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen soll.« Fangen wir doch mit einem Geheimnis an, das du mir verraten möchtest.

Daniela: Es hätte sehr viel mehr Männer im Leben meiner Mutter geben können. Ich glaube, da gab es viel mehr Interessenten und viel mehr Anwärter. Es gab zwar keine Geschichten, aber ich weiß noch nicht mal die Hälfte von den Verehren. Zählt das als Geheimnis?

Auf jeden Fall. Ich würde gerne über eine Sache sprechen, die du in einem SRF-Interview erwähnt hast. Du sagtest, du hättest deinem Vater davon abgeraten, Lügen über meine Mutter zu lesen, da es ihm nicht gefallen würde. Warum glaubst du, ist das so?

Daniela: Ich glaube, mein Vater wäre mit Dingen konfrontiert, die er bis heute in Abrede stellt. Und er müsste in den Spiegel schauen, wenn er den Roman lesen würde. Lügen über meine Mutter hat er bis heute wohl nicht gelesen – und das muss er auch nicht. Ich scherze immer und sage »Du weißt ja, was drinsteht.«(lacht)

Man muss aber sagen, dass nicht jeder zu jedem Zeitpunkt dazu bereit ist, sich mit sich selber so tiefgehend auseinanderzusetzen. Das sind die Wenigsten. Junge Frau mit Katze hat er aber gelesen, und die Geschichte mag er sehr gerne.

Glaubst du, das ist eine Generationen-Frage, ob man dazu bereit ist?

Daniela: Ich würde vermuten zu einem gewissen Teil, ja. Die Generation meiner Eltern, die war weit davon entfernt so durchtherapiert zu sein. Ich glaube, es ist ebenfalls eine Klassen-Frage und eine Geschlechter-Frage. Jemand, der mit Therapie so gar nichts zu tun hat, für den ist das schwierig, Parentifizierung nachempfinden zu können. Ich erinnere mich an Debatten mit meinem Vater, bei denen er sagte »Ihr hattet doch alles, es ging euch doch gut.« Er hat hier vom Materiellen gesprochen, und das ist natürlich ein extrem entscheidender Punkt: Anders als er selber, sind meine Schwester und ich nicht in Prekarität, oder sogar Armut aufgewachsen, und trotzdem kann einem als Kind etwas fehlen.

»Während des Schreibens ist mir aufgefallen, wie viele solcher Mütter ich kenne, die versucht haben, Mutterschaft, Erwerbsarbeit und die Arbeit am eigenen Körper unter einen Hut zu bringen – welcher Zauberhut das auch immer sein soll.«

Du hast mit deinem Buch Lügen über meine Mutter einige Tabuthemen angesprochen: Darunter die Unvereinbarkeit von Beruf und Familie, die (finanzielle) Abhängigkeit und das ganz große Thema des weiblichen Körpers: Du schreibst von Demütigung durch den eigenen Mann – und davon, wenn der weibliche Körper abgewertet wird und zu dick, nicht vorzeigbar ist.

Daniela: Für mich war zu diesem Zeitpunkt nicht klar, dass es sich um so ein Tabu handelt. Klar, für mich lag das in der Luft und ich dachte, ich erzähle eine sehr alltägliche Geschichte. Während des Schreibens ist mir aufgefallen, wie viele solcher Mütter ich kenne, die versucht haben, Mutterschaft, Erwerbsarbeit und die Arbeit am eigenen Körper unter einen Hut zu bringen – welcher Zauberhut das auch immer sein soll. Im Nachhinein denke ich mir: Warum hat das nicht jemand weit vor mir erzählt?

»Dieser Burnout, über den ich im Buch erzähle, der kommt natürlich nicht von ungefähr.«

Wie hast du es geschafft, deinen eigenen Körper zu akzeptieren?

Daniela: Es war ein langer Prozess. Und es hat eine Armada an Helferinnen und Helfern, Körperarbeit, guten Büchern und Selbstkonzepten – wie klassischer Gesprächs-Therapie – gebraucht. So eine Therapie macht einen sehr aufmerksam auf die Grenzen des Körpers. Das ist ein feministisches Erwachen anderer Art. Das Bewusstsein für den Körper ist über die letzten Jahre nochmal viel stärker geworden – über Sexualität oder Reproduktion hinaus. Sondern wirklich als ein Ort der Freude, nicht nur im sexuellen Sinne, sondern, dass es dem Körper gut gehen soll. Auf den passt man gefälligst auf. Er ist dein Freund oder deine beste Freundin – und genau so sollten wir ihn behandeln. Über die Jahre habe ich außerdem stückweise gelernt, immer weniger über die Grenzen zu gehen, auch wenn das während der Rushhour des Lebens, als meine Kinder ganz klein waren, natürlich unmöglich war. Bei Junge Frau mit Katze muss man sich während des Lesens eigentlich zwei kleine Kinder hinzudenken, dann wäre es die wahre Geschichte. Die habe ich rausgelassen. Dieser Burnout, über den ich im Buch erzähle, der kommt natürlich nicht von ungefähr. Es ist gruselig, wenn ich so rekapituliere, was ich zu diesem Zeitpunkt versucht habe, alles gleichzeitig zu machen. Was ich dachte, was ich alles schaffe oder schaffen muss – denn nur wer leistet, wird geliebt.


»Denn nur wer leistet, wird geliebt«. Ist das ein Glaubenssatz von dir?

Daniela: Ja, war er. Mittlerweile ist er beerdigt. Ich übe gerade sehr bewusst und ausgiebig das Sein. Das klingt so mega esoterisch, aber du weißt, was ich meine.

Das heißt, du identifizierst dich auch voll und ganz mit dem Satz »Mein Körper ist mein Zuhause«.

Daniela: Ja! Ich glaube, das hat auch sehr viel mit dem Älterwerden und dem Bewusstsein für Vergänglichkeit sowie Verletzlichkeit zu tun. Ich war zu oft krank im Leben. Ich denke, die Abwesenheit von Schmerz, Angst, Unwohlsein oder irgendeinem Rätsel, das gelöst werden muss, das ist schon so unendlich kostbar. Diese Normalität ist ein Geschenk.

Das wird einem auch erst bewusst, wenn man es erlebt hat.

Daniela: Richtig. Ich habe schon den Eindruck, die Welt unterteilt sich in Menschen, die genau wissen, was Body Trouble ist: Jene, die selber oder im nahen Umfeld chronische Krankheiten haben, und eben in die anderen, die kerngesund sind und im Tal der Ahnungslosen leben. Und die haben absolut keine Ahnung, wovon du sprichst.


»Kein einziges Symptom ist erfunden, es ist nur verdichtet. Man könnte sagen, Junge Frau mit Katze ist das Best-of meiner Krankenakte.«


Du erzählst in Junge Frau mit Katze von der Protagonistin Ela, die körperliche Symptome entwickelt und eine Art Doctor-Hopping macht, wobei bei ihr nichts diagnostiziert werden kann. Hast du hier selber auf deine eigenen Erfahrung zurückgreifen können, wie das ist, wenn man eine Hypochondrie entwickelt?

Daniela: Ja, absolut. Das ist dem Leben abgeschrieben. Kein einziges Symptom ist erfunden, es ist nur verdichtet. Man könnte sagen, Junge Frau mit Katze ist das Best-of meiner Krankenakte. (lacht)

Das Thema »Körper« in Lügen über meine Mutter war im Außen sehr präsent. Bei Junge Frau mit Katze dagegen war das Thema Körper subtiler und eher ein innerer Vorgang der Protagonistin. Warum hast du dich für diese Entwicklung entschieden?

Daniela: Das war keine bewusste Entscheidung, die Texte suchen sich ja auch ihre Form. Ich wollte eine Innenschau schreiben, da das Spüren des eigenen Körpers ein innerer Vorgang ist. Es gibt zwar dramatische Szenen im Buch, doch Plot ist überschaubar, weil das Leben ganz eng und klein wird, wenn es uns nicht gut geht: Ela ist mal an der Uni, mal Zuhause, sie hat ihren Nebenjob und sie geht ein wenig spazieren – und das war es im Großen und Ganzen auch schon. Und dann ist sie noch bei den Ärzten. Genau das ist die traurige Realität, von Menschen die Hilfe suchen und von chronisch kranken Menschen, die ihre Diagnose zwar schon haben, denen aber trotzdem nicht hinreichend geholfen werden kann. Es ist egal, wie es uns geht, solange wir funktionieren. Man muss das eimal umdrehen und fragen: Was wäre, wenn all’ diese chronischen Frauenkrankheiten, chronische Männerkrankheiten wären?

Nachdem Lügen über meine Mutter ein Spiegel-Bestseller wurde, hattest du bei Junge Frau mit Katze Druck verspürt, dass es wieder genauso gut werden muss?

Daniela: Nein, Druck habe ich in diesem Sinne keinen verspürt. Irgendwann im Prozess und nach den ersten Interviews habe ich gemerkt, dass Lügen über meine Mutter immer noch sehr groß und präsent ist. Junge Frau mit Katze steht dabei gar nicht so richtig frei. Doch muss und darf dieses Buch etwas Eigenes sein. Ich wusste, dass es vermutlich nicht so viele Menschen erreichen wird wie Lügen über meine Mutter – aufgrund der Thematik. Das war aber ehrlich gesagt kein Thema – sowohl bei mir, als auch in meinem Verlag nicht. Ich glaube, es wird in meinem Werk immer wieder Titel geben, die sehr in die Breite gehen, und somit auch sehr viele Menschen erreichen. Und bei anderen Titeln ist es eben spezieller. Ich muss mir da die Freiheit erlauben, beides sein zu dürfen, denn ich bin beides. Ich bin das Kind meiner Mutter, ich bin aber auch ein eigener Mensch.

Und du bist selber auch Mutter. Wie beeinflusst dich das bei deinem Schreiben?

Daniela: Da meine Kinder mir so nah waren und immer noch sind und ich so viel Zeit mit ihnen verbracht habe, haben sie mich sehr beschenkt. Ich habe mich bei Lügen über meine Mutter getraut, aus dieser kindlichen Perspektive zu schreiben, weil mir diese Sichtweise und diese Art in der Welt zu sein, so nah war. Ich glaube, das hatte einen großen Einfluss.

Diesen Herbst erscheint außerdem ein Jugendbuch! Ich durfte hier ein wenig schauen, was Teenager denken, gerne lesen, oder was das Problematische an der Erwachsenenwelt ist – und was an Erwachsenen so überhaupt nicht geht. Für das Jugendbuch gibt es eine Regel: Erwachsene in die zweite Reihe. Und auch wenn das Buch überhaupt nichts mit meiner Tochter oder mit ihren Freundinnen zu tun hat, schreiben die sich trotzdem in das Buch hinein. Allein dadurch, dass sie da sind und ich sie tagtäglich erlebe. Das ist die beste Inspirationsquelle.


Hast du denn am Ende des Schreibens von Junge Frau mit Katze deinen eigenen Körper anders wahrgenommen?

Daniela: Dieses Buch hat mich auf eine ganz krasse Reise geschickt. Nachdem ich das Manuskript abgegeben hatte, habe ich einige dieser beschriebenen Symptome nochmal entwickelt. Ich habe also das reinactet, was ich vorher dem Leben abgeschrieben hatte. Jetzt wird es ganz schräg, oder? (lacht) Aber da ich sowohl von innen als auch von außen darauf geschaut habe, gibt es eine noch größere Dankbarkeit, dass mein Körper so ist wie er ist: dass er mich trägt, dass er mit mir durch das Leben geht und dass er dieser Freund bzw. diese Freundin ist. Es gab nochmal eine andere Versöhnung für ihn – wir sind auf jeden Fall nochmal näher zusammengerückt – mein Körper und ich.

Du sagtest einmal »Ich entwickle meine Figuren immer vom Körper aus« – wie meinst du das? Und wie gehst du bei der Figurenentwicklung vor?

Daniela: Viele Schriftsteller arbeiten mit Eigenschaften: Sie überlegen sich, ob ihre Figur zum Beispiel sehr eifersüchtig, sehr moralisch, sehr flexibel oder eher regide ist. Ich muss mir dagegen immer vorstellen, wie eine Figur durch den Raum geht – wie ist es, wenn sie durch die Stadt läuft – wie sie sich fühlt, wenn sie abends im Bett liegt, oder was sie für Vorlieben und Abneigungen hat. Die Frage, wie jemand die Welt oder sich selber in der Welt fühlt, interessiert mich mehr als beispielsweise das Aussehen. Dieses skizziere ich zwar auch, aber um eine Figur plastisch und komplex erzählen zu können, muss ich mir diese beispielsweise schlafend vorstellen: schläft sie gut, oder schläft sie schlecht? Bei Lügen über meine Mutter wusste ich zum Beispiel: Der Geist der Mutter steht nie still, sie steht ständig unter Strom. Wenn diese Frau also Pause macht, dann rattert es – und das ist zermürbend. Ich glaube, mit diesen Zuständen unserer Körper kann man für die Literatur sehr viel gewinnen.


Und wie sieht deine Schreibroutine aus?

Daniela: Ich schreibe vor allem gerne morgens in den goldenen Stunden. Von 07 Uhr bis 10 Uhr, von 08 Uhr bis 11 Uhr. Wenn ich es schaffe, drei unberührte Stunden zu fangen, in denen nichts passiert, außer das Zwiegespräch mit dem Text, dann ist es meistens ein guter Tag. Auch wenn am Ende nur 1 1/2 Seiten dastehen. Das klingt immer so wenig – aber das ist ein komplexer Vorgang und der Kopf raucht danach. Diese drei Stunden, die bin ich mit mir verabredet und dabei arbeite ich skulptural.Heißt, ich häufe an und häufe an. Verwerfe und entschlacke, und reduziere. Im Moment geht es eher darum, die Stoffe in Ruhe kommen zu lassen. Und wenn etwas angeweht kommt, nehme ich das. Ich suche aber nicht mehr aktiv danach. Ich bin eine Vielschreiberin, man muss bei mir auch keine Angst haben, dass da am Ende nichts steht. Ich kenne auch keine Blockaden.

Das klingt recht entspannt, wenn du das so erzählst.

Daniela: Ja, ist es auch. Ich schreibe gerne und muss mich dabei nicht quälen.

Es gibt ja Schriftsteller, die genau das müssen, um etwas auf das Papier zu bringen. Ist das bei dir gar nicht der Fall?

Daniela: Nein, das ist mir ein Rätsel, wenn man so disponiert ist, dass man nur dann schreiben kann. Ich habe zwar totalen Respekt davor, aber ich liebe das Schreiben und es macht mir einfach Freude. Klar gibt es Dinge, an denen man verzweifelt. Oder es gibt Momente, da ist der Text widerspenstig. Oder die Idee, die gestern so gut war, die ist drei Tage später nur noch ein Ideechen, und keine Idee mehr. Man braucht beim Schreiben vermutlich schon eine recht große Frustationstoleranz und die Fähigkeit zur Selbstkritik – und man muss seine Standards sowie Maßstäbe kennen. Ich kann sehr genau unterscheiden, wann etwas gut oder brillant ist. Ich kenne den Unterschied und das ist das Gemeine: Brillanz geht nicht immer.


»Ich hatte das Gefühl, ich könnte mit der Literatur wiedergutmachen, was das Leben meiner Mutter verwehrt hat, wenn ich diese Seite der Geschichte erzähle.«


Man sagt ja immer, man solle für sich selber schreiben. Hast du denn Lügen über meine Mutter für dich selber oder für andere geschrieben?

Daniela: Für meine Mutter. Ich hatte den Drang, literarische Gerechtigkeit walten zu lassen. Ich hatte das Gefühl, ich könnte mit der Literatur wiedergutmachen, was das Leben meiner Mutter verwehrt hat, wenn ich diese Seite der Geschichte erzähle.Meine Wahrheit. Wenn ich also meine subjektive Wahrheit suche, damit lasse ich ihr ein Stück weit Gerechtigkeit widerfahren. Das ist ein anderer Vorgang und eine andere Perspektive, denn in Junge Frau mit Katze stehe ich selber im Zentrum und bin Detektivin und Untersuchungsgegenstand in einem. Ich konnte schon immer besser für andere kämpfen als für mich selber. Aber den Satz, dass man für sich selber schreiben sollte, den würde ich ganz dick unterstreichen.


Drei Bücher, die du empfehlen möchtest und die man unbedingt lesen sollte?

Daniela:Der Freund von Sigrid Nunez, Fische von Melissa Broder und von Katie Kitamura Intimitäten.


Letzte Frage: Drei Menschen, egal ob tot oder lebendig, mit denen du gerne essen gehen würdest?

Daniela: Gute Frage! Paul Auster, Madonna, Rosa Luxemburg. Die drei! Ich bin da gerne spontan. Das wäre morgen aber vielleicht anders.

Vielen Dank für das Gespräch, liebe Daniela Dröscher!




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