Da, wo ich dich sehen kann

Jasmin Schreibers neuer Roman »Da, wo ich dich sehen kann« ist ein Schlag in die Magengrube – zugleich berührend, wütend machend, erschütternd und doch auf eine tiefe Weise tröstlich. Im Zentrum steht die neunjährige Maja, die ihre Mutter Emma nach jahrelanger häuslicher Gewalt durch die Hand ihres Vaters verliert. Der Roman ist Fiktion, doch er trägt einen harten, realen Kern: Femizide sind bittere Realität – auch bei uns –, und Schreiber widmet ihr Buch einer Frau aus ihrem eigenen Umfeld, die ermordet wurde. Dieser persönliche Bezug verleiht dem Text eine Wucht, die lange nachhallt.

Mach es besonders

Der Roman entfaltet sich in wechselnden Perspektiven, die den Hinterbliebenen Raum geben: Maja, die schwer traumatisiert bei den Großeltern mütterlicherseits unterkommt und in ein neues Leben stolpert, das keines ist. Liv, Emmas beste Freundin und ehemalige Astrophysikerin, die plötzlich in eine mütterliche Rolle hineinrutscht, die sie nie angestrebt hat; die trauernden Eltern Emmas, die ihre Tochter verloren haben und gleichzeitig Maja stabilisieren müssen; und sogar die Eltern des Täters, die entsetzt begreifen, dass ihr Sohn ein Mörder ist. Schreiber zeichnet alle Figuren facettenreich und ohne Schwarz-Weiß-Moral. Die Sympathie gilt den Opfern und ihren Liebsten, doch auch die Ohnmacht und der Schmerz der Täterfamilie werden ernst genommen.

»Männer töten Frauen, weil sie es wollen und weil sie es können.«

Stilistisch wagt der Roman viel – und glänzt gerade dadurch. Kinderzeichnungen, Therapiesitzungen, Gerichtsprotokolle, Obduktionsunterlagen, fiktive Medienberichte und Kapitel aus alternativen Paralleluniversen verweben sich zu einem eindringlichen Gesamtbild. Die Alternativkapitel, in Schwarz-Weiß gedruckt, zeigen, was hätte sein können, wenn nur ein empathischer Satz, ein Nachfragen, ein Eingreifen erfolgt wäre. Sie sind literarisch wie emotional besonders stark und spiegeln den Wunsch aller Hinterbliebenen nach einer Welt, in der Emma überlebt hätte – und was hätte sein können.

Schreiber verzichtet konsequent auf die Perspektive des Täters – ein bewusster Bruch mit vielen Krimis und True-Crime-Formaten, die häufig den Täter ins Zentrum stellen und weibliche Opfer zum dramaturgischen Rohstoff degradieren. Hier steht ausschließlich das Leid der Betroffenen im Fokus, ihre Trauer, ihre Wut, ihre Schuldgefühle – und die gesellschaftlichen Strukturen, die solche Verbrechen ermöglichen. Schonungslos legt das Buch offen, wie oft Behörden versagen, wie oberflächlich manche familiengerichtlichen Verfahren sind und wie Frauen immer wieder gezwungen werden, sich selbst zu schützen, statt dass Täter effektiv kontrolliert werden.

Besonders eindringlich ist die Darstellung Majas: ein Kind, das brav und leise bleibt, um niemandem zur Last zu fallen, und in dem der Schrecken im Verborgenen weiter wütet. Ihre Panikattacken, die innere Zerrissenheit zwischen der Liebe zum Vater und der Erkenntnis seines Verbrechens, die Angst vor erneuten Verlusten – all das wird mit großer Sensibilität von Schreiber erzählt. Trotz der Schwere des Themas zeigt sich immer mal wieder Wärme, Humor und zarte Hoffnung: Livs neugierige, naturwissenschaftliche Sicht auf die Welt, der Trost einer alten Hündin namens Chloé, kleine Gesten der Nähe zwischen den Figuren. Schreiber zeigt, dass ein Neuanfang möglich ist.

Insgesamt bleibt am Ende ein Roman, der literarisch überzeugt, emotional erschüttert und gesellschaftlich notwendig ist. Er öffnet die Augen für ein Thema, das uns alle angeht – und über das immer noch zu oft geschwiegen wird. Von mir gibt es eine klare, dringende Leseempfehlung.



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Der andere Arthur