Angeklopft bei Anne Freytag

Anne Freytag zählt zu den vielseitigsten deutschsprachigen Autorinnen der Gegenwart. Seit ihrem Debüt hat sie zahlreiche Romane veröffentlicht und schreibt erfolgreich über Genregrenzen hinweg – von Gegenwartsliteratur bis hin zu Spannung. Mit ihrem aktuellen Roman Laute Nächte, erschienen im Kampa Verlag, erzählt sie von Trauer, Verlust und von der Kraft menschlicher Verbundenheit. Ein Interview.

Triggerwarnung: Tod, Trauer, unerfüllter Kinderwunsch, Fehlgeburt

Du hast bereits über 20 Romane veröffentlicht. Wie kommen diese vielen Geschichten zu dir?

Geschichten kommen Stück für Stück zu mir und ich lasse mich auf diese Geschichten ein. Da habe ich dann auch nur wenig Mitspracherecht. Ich kenne ein paar wichtige Punkte – im besten Fall weiß ich, was am Ende passieren wird. Aber nicht mal ist immer der Fall. Es ist wie eine Beziehung, die man eingeht: Man lernt sich kennen. Ich weiß auf den ersten 50 bis 70 Seiten auch noch nicht, ob ich die Person „schon habe“. Oft muss ich dann wieder zurückgehen und den Anfang anpassen, da ich die Figur erst später so richtig verstehe. Ich kann nicht auf Bestellung schreiben. Ich wünschte manchmal, dem wäre so, aber es liegt mir nicht. Ich bin auch nicht der Typ, der für einen bestimmten Markt schreibt. Ich schreibe die Bücher, die ich gerne lesen will.

Du veröffentlichst neuerdings beim Kampa Verlag, mit Sitz in Zürich. Wie kam es dazu?

Ich habe vorher bei One veröffentlicht. Und der Verlag ist großartig. Jeder war freundlich, nett und kultiviert. Hut ab, wer auch immer die Menschen dort eingestellt hat, denn diese Person hat vieles richtig gemacht. Trotzdem habe ich nach dem ersten Buch gemerkt, dass ich leider nicht ins Programm passe – auch schon mein erstes Buch nicht. One ist ein Verlag, der eine ganz klare Marktausrichtung hat – und das ist Jugendbuch. Man verändert sich mit den Jahren, aber die Themen bleiben immer dieselben: Sich suchen, sich finden, seine Menschen finden, Ängste haben vor der Zukunft, Freundschaft, Liebe, Sex. Ich denke, dass ich auch heute noch die Gefühle so transportieren kann, da diese sich nicht ändern. Aber ich glaube inzwischen auch, dass ich nie «reines» Jugendbuch geschrieben habe, sondern für Menschen, die über junge Protagonisten lesen wollen.

In deinem Roman begleiten wir Kenni, dessen Freundin Jasmin tragisch ums Leben kommt. Wir lesen von seinem Trauer-Prozess und dem Versuch, das alles hinter sich zu lassen. Wie kam Kenni als Figur zu dir?

Kenni als Figur habe ich schon seit drei Jahren im Kopf. Ich wollte die Geschichte schon drei Jahre lang schreiben und hatte One meine ursprüngliche Idee von Kenni gepitcht. Leider hieß es, es sei eine männliche Sicht und es sei somit schwierig, da die Leserschaft weiblich sei und das Identifikationspotenzial fehle und ich solle die Geschichte lieber aus der Sicht einer Frau erzählen. Für mich musste es aber aus männlicher Sicht erzählt werden und das lag vor allem an zwei Sachen:

Es ist erstens natürlich ein großer Unterschied, ob ein Mann, ein Junge, eine Frau oder ein Mädchen in der Geschichte die Hauptfigur ist. Ich bin der Meinung, dass weibliche Personen einen anderen Zugang zu ihren Gefühlen haben, da sie diese Gefühle fühlen dürfen. Während wir Frauen verschrien sind, zu emotional zu sein, haben wir entsprechend aber auch einen Zugang zu dem, was wir empfinden. Das haben Jungs heutzutage im besten Fall eher als vor zwanzig Jahren, dennoch ist es anders, einem jungen Mann durch diesen Prozess zu folgen, der zu seinen eigenen Gefühlen so wenig Zugang hat. Es hätte nicht funktioniert, wenn ich diese Geschichte aus der Sicht einer jungen Frau geschrieben hätte.

Und dann gibt es noch die Vorgeschichte: Kurz nach meinem Abitur ist ein Mädchen, mit dem ich im Englisch LK war, ums Leben gekommen. Der Hintergrund war zwar anders als in meinem Roman, denn zu nah an meiner Realität möchte ich nicht schreiben, aber es hat mich nie losgelassen. Mich hat vor allem nicht losgelassen, dass ihr Freund mit im Wagen dabei war. Ich habe mich immer gefragt, wie der weitergemacht hat und wie er aus dieser Situation wieder rausgekommen ist. Ich kannte meine Mitschülerin nicht gut und ihn kannte ich nur vom Sehen, das heißt, dass ich nie herausgefunden habe, was aus ihm wurde.

Was bedeutet dir Kenni, wenn du das Ganze reflektierst?

Tatsächlich, so wie es in der Danksagung auch steht, dass er es wert war. Zwischenzeitlich habe ich bewusst darüber nachgedacht, ob ich aufgeben soll, denn 2024 war ein sehr forderndes Jahr. Ich wollte es auf keinen Fall wieder so versteift versuchen und es unbedingt schaffen müssen. Ich war während des Schreibens mit meiner Geduld und meinen Nerven dermaßen am Ende, dass ich zu Kenni gesagt habe, dass er entweder endlich mitmacht, oder wir die Geschichte abbrechen, weil ich dann vielleicht einfach nicht die richtige Person bin, um sie aufzuschreiben, oder aber, es wird eine ganz unerwartete Wendung geben – er rast zum Beispiel mit dem Auto in die Schlucht von Verdon – und wir beenden es hier und jetzt. Und dann ging es, als hätte Kenni verstanden, dass er mich zum Äußersten gebracht hat.

Elif spielt eine ganz entscheidende Rolle in deinem Roman. Sie ist vor allem eine Art Antreiberin für Kenni. Ich muss gestehen, dass sie mir absolut nicht sympathisch war. War das so gewollt von dir?

Ich glaube, dass man die Menschen, die man am meisten liebt, teilweise auch nicht mag. Es gibt nicht umsonst den Ausdruck, jemandem „zu nahe zu sein“. Wenn man sich annähert, tritt man sich gegenseitig unweigerlich auch auf die. Solange es oberflächlich bleibt, wird man einem Menschen niemals wirklich nahekommen. Elif ruft, ähnlich wie Jasmin, etwas in Kenni hervor. Sie ist auch diejenige, die beschließt, dass sie die Reise zusammen zu machen. Sie fragt nicht. Genau genommen weiß sie sogar, dass er diese Reise nicht machen will und nötigt ihn dazu.

Weil sie eigentlich diejenige ist, die etwas verarbeiten muss? Ganz schön egoistisch.

Mag sein. Andererseits ist vielleicht genau dieser Schritt, zu dem er von Elif gedrängt wird, der Schritt, den Kenni braucht. Vielleicht braucht es diesen „Mutausbruch“, diese Konfrontation, weil er dem sonst ewig aus dem Weg gehen würde. Bei Elif ist es tatsächlich so, dass sie mit ihrer Lautstärke – ähnlich wie Jasmin – etwas von ihrer eigenen Verletzlichkeit überspielt, gleichzeitig aber genau diese Lautstärke hat, die Kenni fehlt. Am Ende der Geschichte hatte ich den Eindruck, dass jeder sich seiner eigenen Mitte etwas angenähert hat.

Ehrlich gesagt, sind mir die Figuren, die ich am spannendsten finde, immer auch ein bisschen unsympathisch. Jede von ihnen hat Seiten, die ich nicht mag. Elif ist einfach ein ganz normaler Mensch, im Gegensatz zu anderen Figuren in Büchern, die fast zu gut sind, um wahr zu sein. Das ist vielleicht mal ganz nett zu lesen, aber das sind keine Personen, die mir in Erinnerung bleiben. Ich mag es episch und realistisch. Und so eine ist Elif für mich: Sie hat zwar so viel falsch gemacht, aber ich mag sie trotzdem.

Das Thema Tod und Trauer ist sehr präsent in Laute Nächte. Hast du Angst vor dem Tod?

Das ist ja das Komische: Ich habe Angst vor dem Sterben, sehr große sogar. Angst vor Schmerzen, Angst vor Krankheiten. Aber vor dem Tod? Eigentlich nicht. Wobei ich zugeben muss, dass ich nicht glaube, dass es dann vorbei ist. Das Leben ist so unwahrscheinlich und wir sind trotzdem hier: Du und ich sitzen hier in einer Stadt, während der Planet durchs Weltall rast, durch etwas, das unendlich groß ist. Das kann ich mit meinem Verstand schon nicht begreifen. Ich glaube, dass das, was einen Menschen ausmacht – was auch immer das sein mag – nicht nur in dem Körper wohnt. Was danach damit passiert? Keine Ahnung. Ich glaube aber nicht, dass dieser Teil wirklich stirbt. Das glaube ich nicht mehr, seit ich meinen Opa tot gesehen habe. Ich war nicht mal traurig, denn der, der dort lag, war nicht er. Das war wie ein Schuh, der irgendwo steht. Ein Schuh wird erst zu etwas, wenn er an einem Fuß steckt und man losgeht. Der Schuh allein ist vollkommen unnütz. In dem Moment habe ich meinen Frieden damit gemacht, denn ich wusste, ich muss mir keine Sorgen machen. Irgendwo ist er noch. Ich fürchte mich mehr davor, Menschen zu verlieren.


Ich sehe meine Geschichte ja nur durch meine Augen. Wenn ich nicht mehr da bin, dann geht das Leben zwar weiter, aber man hinterlässt eine Lücke. Ich glaube, der Tod ist gar nicht das Problem, sondern das Verabschieden von den Menschen, die man liebt.


Hast du noch jemanden verloren, außer deinen Opa?

Die Freundin meines Vaters ist im Urlaub ertrunken und wir waren dabei. Das hat mich nie losgelassen. Bis dahin sind zwar auch schlimme Dinge passiert, aber nichts davon war endgültig. Ich weiß noch, wie mein Vater an die Grenzen seiner Kraft gekommen ist, um sie aus dem Wasser zu ziehen. Das war grauenhaft. Da war das erste Mal diese Erkenntnis da, dass das alles hier vorbeigeht. Ich sehe meine Geschichte ja nur durch meine Augen. Wenn ich nicht mehr da bin, dann geht das Leben zwar weiter, aber man hinterlässt eine Lücke. Ich glaube, der Tod ist gar nicht das Problem, sondern das Verabschieden von den Menschen, die man liebt. Ich bin froh, dass ich irgendwann sterbe, denn die begrenzte Zeit gibt dem Ganzen ja auch den Wert. Vor ein paar Jahren waren da noch die Fehlgeburten, die ich hatte – die in gewisser Weise auch ein Kontakt mit dem Tod gewesen sind.

Wie bist du davon geheilt?

Jeweils 2017 und 2018 hatte ich eine späte Fehlgeburt. Das hat bei mir wahnsinnig viel ins Wanken gebracht. Vor allem das Bild, wie mein Leben weitergehen wird. Ich stand vor der Wahl, ob ich es weiterprobieren soll. Und habe mich das erste Mal gefragt, ob ich das wirklich will. Zuvor habe ich das nie getan.

Mein Mann und ich waren damals schon 12 Jahre zusammen und dass er der richtige Mensch ist, stand völlig außer Frage. Damals habe ich schon geschrieben, stand aber noch viel weiter am Anfang. Ich konnte gerade vom Schreiben leben – und das wollte ich nicht aufgeben. Gleichzeitig war ich überzeugt davon, erst mit Kindern vollständig zu sein. Mit einer Familie.
Nach der zweiten Fehlgeburt wusste ich aber, dass ich mir das nie wieder antun werde. Da habe ich begriffen, dass das nicht mein Weg sein kann. Es gibt ja Paare, die versuche es Jahrzehnte. Ich weiß gar nicht, wie so etwas geht. Es geht gar nicht darum, zu sagen, „man“ sollte das nicht tun, für mich war aber klar, dass ich das nicht will. Trotzdem habe ich mehrere Jahre gebraucht, um diese Schuldgefühle loszuwerden. Dass ich schuld war, dass es nicht funktioniert hat. Dass ich irgendetwas falsch gemacht habe, oder ein unbewusster Teil von mir das nicht wollte. Was man halt alles so denkt.

Dann kam hinzu, dass um mich herum alle Kinder gekriegt haben. Alle. Es war, als wäre ich in einer verdammten Legebatterie. Jeder schwangere Bauch hat mich wütend gemacht. Alle, die erzählt haben, dass sie Nachwuchs bekämen, Kinderwägen, alles. Das worauf du dich konzentrierst, siehst du überall. Es war natürlich auch für die Beziehung sehr schwierig. Wir sind zwar als Paar stärker aus dem Ganzen herausgegangen, gleichzeitig musste man aber diese Lücke, von der man dachte, die wird irgendwann von Familie gefüllt, mit irgendetwas anderem füllen. Mittlerweile ist es in Ordnung, denn ich habe mich selbst so gern, wie noch nie. Wenn ich früher in mich hineingehört und wirklich überlegt hätte, was ich im Leben will, wäre ich vielleicht draufgekommen, dass ich ein Mensch bin, der Gefahr läuft sich für die, die er liebt, aufzuopfern. Mit Kindern wäre das garantiert passiert. Ich wollte auch noch andere Dinge im Leben: Ich wollte reisen, die Vorzüge meines Berufs genießen. Ich habe einfach gemerkt, dass ich das alles nicht richtig hinterfragt habe. Manchmal glaube ich, es wäre gut für mich gut gewesen, mich früher zu fragen, was Erfolg für mich ist.

Was ist für dich Erfolg?

Wenn ich E-Mails von fremden Menschen zu meinen Büchern bekomme, ist das zum Beispiel Erfolg. Nicht nur, weil es so abstrakt ist, sondern weil wir dann eine gewisse Verbindung eingegangen sind, ohne uns jemals in die Augen gesehen zu haben. In diesen E-Mails stehen Dinge, die unheimlich privat sind. Die Menschen schütten mir ihre Herzen aus.

Dann gibt es natürlich noch Zahlenerfolge und Bestsellerlisten. Aber das, was ich immer wollte, war, mir einen Namen zu machen. Die Wahrheit ist, dass ich für mich immer gewollt habe, dass der Buchhandel irgendwann weiß, dass wenn der Name „Freytag“ auf dem Cover steht, dass man ein qualitativ tolles Buch bekommt, das sich gut verkauft. Mein Name soll für etwas stehen, unabhängig davon, wer die Zielgruppe ist. Daran arbeite ich noch. Ich bin jetzt zumindest an dem Punkt, dass es Buchhändler und Buchhändlerinnen gibt, die das Buch kaufen, sobald sie hören, dass ein neues Buch erscheint, ganz ohne, dass sie den Text auf der U4 kennen. Das ist für mich der größte Erfolg, denn der Name, der bin ich. Das ist nichts, was ein Verlag machen, oder mir wegnehmen kann, denn es hat weniger mit den Themen zu tun, über die ich schreibe, sondern damit, wie ich sie schreibe.

Es gibt in jedem Genre Perlen und es gibt in jedem Genre Schrott. Es gibt Literatur, die meiner Meinung nach so unfassbar langweilig ist, dass ich mir den Gnadenschuss wünsche und es gibt Romance, die so großartig geschrieben ist, dass ich mitfiebere. Man muss innerhalb eines Genres bewerten und sagen: Innerhalb von Romance ist das großartig.

Ich habe lange damit zu kämpfen gehabt, wie sehr der Markt versucht, einen einzuschränken. Es gibt in jedem Genre Perlen und es gibt in jedem Genre Schrott. Es gibt Literatur, die meiner Meinung nach so unfassbar langweilig ist, dass ich mir den Gnadenschuss wünsche und es gibt Romance, die so großartig geschrieben ist, dass ich komplett mitfiebere. Man muss innerhalb eines Genres bewerten und sagen, innerhalb von Romance ist das großartig. Man kann Romance nicht mit einer Geschichte über den Holocaust vergleichen, aber qualitativ wie es innerhalb des Genres umgesetzt wurde, kann man das sehr wohl. Ich empfinde es als sehr beleidigend, einer großen Zahl an Autoren und Autorinnen – es sind überwiegend Autorinnen – Qualität abzuerkennen, bloß weil es keine Themen sind, die die „richtigen“ Leute interessieren. Ich durfte mir das auch schon anhören: „Ach, jetzt schreibt sie Spannung? Wieso schreibt sie denn jetzt Spannung?“ Na, weil Spannung geil ist. Das macht Spaß. Und mittlerweile habe ich das Gefühl, ich bin da angekommen, dass man mir genau das erlaubt. Es war neulich in der Süddeutschen ein Artikel, in dem stand, dass ich mich in jedem Bereich zuhause fühle und alles schreiben könne. Genau das ist für mich Erfolg: Dass ich nicht nur einen Verlag habe, bei dem ich schreiben darf, was ich will. Es ist auch nun auf dem Markt angekommen, dass Vielseitigkeit etwas Schönes ist und man mir endlich die Vielseitigkeit und Freiheit zugesteht, die ich immer eingefordert und mir genommen habe.

Du sagst, gute Literatur sei keine Frage des Genres, sondern der Qualität. Was macht für dich die Qualität eines Romans aus?

Ich glaube nicht, dass man etwas erlebt haben muss, um es zu schreiben. Dann würde es unfassbar viele Geschichten nicht geben. Was ich jedoch glaube, ist, dass man die Gefühle kennen muss, um es überzeugend rüberzubringen. Es gibt Bücher, die zeigen einem die Tür zu einem bestimmten Gefühl. Diese Bücher machen die Tür zwar auf, sie schicken mich aber nie hindurch. Solche Bücher verkaufen sich sehr gut, weil die Leser und Leserinnen nicht durch den Schmerz müssen, aber trotzdem das Gefühl haben, sie haben etwas sehr Tiefgreifendes gelesen. Viele aktuelle Bücher, die sich sehr gut verkaufen, haben genau dieses «Problem»: da ist immer nur die Tür, durch die ich nicht durch gehen muss. Jemand, der es – aus meiner Perspektive – richtig macht, der lässt mir dabei keine Wahl. Der stößt mich in dieses Gefühl rein.

Mir hat neulich eine Leserin geschrieben, dass sie Laute Nächte mag, aber dass sie das Gefühl hat, dass der Geschichte Handlung fehlt. Ich habe ihr geantwortet, dass ich daraus schließe, dass sie nie diese lähmende Trauer erleben musste, und das mich das für sie wirklich freut. Kenni ist handlungsunfähig. Das ist das, worum es in der Geschichte geht. Wie soll ich ihn handeln lassen, wenn er nicht handeln kann? Die Person, die sein Antrieb, sein Kompass, seine Taktgeberin war, ist tot. Diese Gefühle, die sind alle in dem Buch, sie sind zwischen den Zeilen. Buch und Leser müssen zusammenpassen, wenn jemand die Gefühle nicht kennt, die in diesem Buch vorkommen, wird diese Person sie auch während des Lesens nicht finden.

Du schreibst allgemein aus der männlichen Sicht. Und es können sich sicherlich viele männliche Leser mit Kenni identifizieren. Wieso hat man ein rosa Umschlag gewählt? Ich kann mir vorstellen, dass, ganz stereotypisch gesprochen, ein männlicher Leser eher nicht auf ein rosa Cover zurückgreifen würde.

Das ist ganz bestimmt so. Leider lesen nicht so viele Männer. Diejenigen, die lesen, lesen überwiegend Thriller, Spannung oder Sachbücher. Die werde ich mit meiner Geschichte sowieso nicht ansprechen. Gestern bei einer Lesung war ein Mann dabei, der seine Frau begleitet hat. Und er meinte, das hat ihn sehr angesprochen, es wird das Buch vielleicht auch lesen, obwohl er sowas – was auch immer sowas ist – sonst nie liest. Ich glaube aber, die Männer, die Literatur lesen, lassen sich auch von einem rosa Cover nicht abschrecken. Da habe ich wiederum das Gefühl, sie würden eher nach Empfehlungen gehen. Ich mag Schubladen nicht. Ich habe mich immer gewehrt, selbst in einer Schublade zu stecken. Ich denke auch, dass Männer, sofern es zum Typ passt, wunderbar rosa tragen können. Mann muss es quasi tragen können.

In deinem Roman hat Jasmin Kenni immer viele „solcher Fragen“ gestellt. Diese möchte ich auch gerne dir stellen. Also: Was verunsichert dich?

Ganz häufig ich mich selbst. Ich projiziere das aber gern auf andere Menschen und Situationen. Ich kann an Tagen, an denen es mir gut geht, vollkommen fremden Menschen in großen Gruppen begegnen und ich habe gar kein Problem damit, weil ich bei mir bin und ich mich schätze. Und wenn mich jemand nicht schätzt, dann ist das ein Komptabilitätsproblem – und nicht ich bin das Problem. Wenn es mir aber nicht gut geht und ich einen schiefen Tag habe, nehme ich Dinge sehr viel persönlicher. Bei mir ist es oft eine Gratwanderung, ob ich etwas persönlich nehme oder nicht. Und das ist sehr davon abhängig, wer ich an dem Tag bin.

Auch Urteile verunsichern mich. Ich gebe mir sehr große Mühe, nicht über Menschen zu urteilen. Wir Menschen funktionieren so: Wir schauen jemanden an und wir fällen ein Urteil. Das machen wir instinktiv im Bruchteil einer Sekunde. Man kann aber bewusst dagegen gehen und der Person eine Chance geben. Viele Menschen urteilen sehr schnell und damit habe ich Schwierigkeiten, denn an manchen Tagen verunsichert mich das enorm.

 

Was ist deine Definition von Scheitern?

Früher das Klassische: Man macht etwas und es geht schief. Aber inzwischen, auch wenn es wahnsinnig abgedroschen ist: Wenn man es gar nicht erst versucht. Es gibt Dinge, vor denen man sich fürchtet, und man sollte trotzdem versuchen, sich ihnen zu stellen. Man sollte sich aber auch erlauben, festzustellen, dass es in der Vorstellung viel geiler war als in der Wirklichkeit. Es gibt sicherlich viele Menschen, die bleiben in dem Job, in der Wohnung oder in der Beziehung, weil sie sonst das Gefühl haben, gescheitert zu sein. Manchmal ist es aber einfach nicht der richtige Job, die richtige Stadt, der richtige Mensch. Ich habe viele Sachen ausprobiert, die nicht meins waren. Und dann hatte ich oft den Eindruck, dass ich gescheitert sei. Inzwischen muss ich sagen, ich bin jetzt viel besser dran als vorher. Also vielleicht war das Scheitern nur dazu da, dass ich jetzt genau das mache, was für mich richtig ist.

Ich bin kein großer Fan von den Amerikanern, aber der amerikanische Blick auf das Scheitern gefällt mir sehr viel besser als der deutsche. Im Schnitt machen sich Menschen, wenn überhaupt, einmal in ihrem Leben selbstständig. Entweder es funktioniert, oder es funktioniert nicht. Wenn es nicht funktioniert, probieren sie es nie wieder. Und Amerikaner sind häufig erst beim dritten oder vierten Anlauf erfolgreich. Und dabei haben sie im Hinterkopf, dass sie die Fehler, die sie zuvor gemacht haben, nicht wieder machen werden. Die sehen das so: Fehler gemacht, draus gelernt. Und nicht Scheitern im Sinne von „Das kannst du nicht, lass es lieber“. Ich finde das, eine ziemlich gesunde Einstellung.

 

Wofür schämst du dich?

Ich war sehr lange Zeit auf der Seite der Gemobbten. Es gab aber zwei Episoden, in denen ich mitgemacht habe, andere zu mobben, damit ich nicht diejenige bin, die es trifft. Und auch wenn ich immer noch verstehen kann, warum ich das gemacht habe, schäme ich mich abgrundtief dafür. Ich habe damals gewusst, dass es falsch ist, ich habe mich währenddessen schon geschämt, aber ich habe auch gewusst: Lieber jemand anderes als wieder ich. Später habe ich immer den Mund aufgemacht, aber dieses Gefühl, dass ich es besser hätte wissen müssen, das kann ich noch immer hervorrufen. Das hatte damals auch nichts mit diesen zwei Personen zu tun. Es wurde das eine Mal sogar zu mir gesagt: „Wenn du es nicht machst, machen wir das mit dir.“ Die Entscheidung ist dann sehr leichtgefallen. Gleichzeitig weiß ich, nur wegen der zwei Male, wie es sich anfühlen muss, ein Mitläufer oder eine Mitläuferin zu sein. Ich kann von mir wenigstens sagen: Ich war es nur zwei Mal in zwei Situationen und das ist auf ein ganzes Leben gesehen eine gute Balance. Inzwischen kann ich es mir verzeihen, aber das war charakterlich schwach und fühlt sich auch so viele Jahre später noch scheiße an. Ich möchte nie wieder in eine Situation kommen, in der ich dieses Gefühl fühlen muss.


Und welches Lied spielt auf deiner Beerdigung?

Momentan etwas von Roy Orbison. Aber ich glaube die Wahrheit wäre, etwas von Max Richter. 2018 habe ich ihn für mich entdeckt als ich „Mein Leben basiert auf einer wahren Geschichte“ geschrieben habe. Ohne sein Stück „November“ hätte ich den Roman nicht schreiben können. Ich habe das Stück so oft gehört, das hat eine Dramatik, die fast unangenehm ist: ich spüre das körperlich. Ich kriege Herzrasen und Schweißausbrüche. Seitdem habe ich einige seiner Lieder gehört, weil die etwas in mir hervorrufen, was keine andere Musik in mir hervorruft. Und ansonsten würde ich es den Menschen überlassen, die mich gut kannten. Und im besten Fall kriege ich das als Geist von irgendwo mit.

Drei Menschen, egal ob tot oder lebendig, mit denen du gerne einmal essen gehen würdest?

Ich glaube, ich würde tatsächlich mit den Menschen essen gehen, die ich auch in meinem Leben habe (lacht). Donna Tartt würde ich allerdings gerne treffen, weil ich sie gerne fragen würde, wie sie es schafft, zehn Jahre einer Geschichte folgen zu können. Das begreife ich nicht. Aber ansonsten wären es wirklich mein Mann, meine beste Freundin und meine Mama. Das wäre ein wunderbares Essen, denn wir würden uns verstehen und wir müssten uns nicht verstellen. Ansonsten wäre noch ein großes Essen mit Romanfiguren etwas, das ich mir vorstellen kann. Einfach mal, um zu hören, wie es ihnen so geht. Da würden allerdings drei Figuren den Rahmen sprengen. Dann würde ich wohl eher dieses Café hier mieten und alle einladen.



Vielen Dank für das Gespräch!

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Angeklopft bei Leon Engler