Amrum

Ein Buch übers Erwachsenwerden und über das, was wir Heimat nennen.

Die Nordseeinsel Amrum inmitten des Zweiten Weltkriegs: Hier spielt das Buch, das mich beim Lesen an meine eigene Heimat erinnerte - durch die Atmosphäre, die Sprache, die Tonalität. Der Ton von Hark Bohm ist rau und weckte Gefühle, die nur der Norden hervorbringt. Mit einer sprachlichen Brillanz schafft Bohm es, das Inselleben ganz nah an einen heranzubringen:

Wir zerlegen Kaninchen, zähmen Ochsen und fangen Schollen, treffen den Tod, rennen um unser Leben und hoffen auf bessere Zeiten. Wir erleben Ebbe und Flut, Geburt und Tod, Anfang und Ende. So fühlt man sich nicht nur den Gezeiten sehr nahe, sondern auch dem 10jährigen Protagonisten Nanning.

In dieser Geschichte begleiten wir ihn und erleben, wie er über die Insel streift, Schicksalsschläge mitnimmt und Abenteuer erlebt. Wie die meisten Männer ist auch sein Vater im Krieg, seine Mutter und Tante führen den Hof und stecken all ihre Erwartungen in den Jungen. So trägt er die Frage nach richtig oder falsch, die Verwirrung über die politische Situation und seine persönlichen Zweifel auf seinen Schultern - ebenso wie die Angst vor der Zukunft. Anfangs wirkt Nanning mit seiner kindlichen Naivität zielloser. Doch mit dem Einmarsch der Amerikaner sowie dem Ende des Krieges und des Buches treffen wir auf einen Jungen, der fest mit seiner Heimat verwurzelt ist.

Für mich ein besonderes Buch, für das man sich aber Zeit lassen sollte. Es ist kein Buch zum Inhalieren, sondern zum Verweilen. Harkes Geschichte hat etwas Verlässliches: Wenn es nicht die Zuversicht ist, das am Ende alles gut werden wird, so ist es doch zumindest das Gefühl, das er beim Schreiben vermittelt: nämlich ganz nah dabei zu sein.

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